Duschen in der Raummitte ohne Wand, große Teller voll Reiscurry, ein Skorpion im Garten, riesige bunte Blumen, barfuß durch matschigen Urwaldboden laufen, ein Spinnennest hinter dem Badspiegel, Unmengen an Passionsfrüchten – und natürlich die Blumenschaukel während Onam, Affen mit Minibananen füttern, Kühe über die Straße lotsen und sich in einem TukTuk mit gefährlich viel km/h durch den, nunja, klassischen indischen Verkehr schlängeln.
Ich bin nach Kerala gereist, weil ich ein Land mit einer völlig anderen kulturellen Realität kennenlernen wollte. Und genau das hat funktioniert. Ich wurde freundlich aufgenommen, mir wurde viel erklärt, gezeigt und zugänglich gemacht, sodass ich mich schnell orientieren konnte und nie das Gefühl hatte, allein durch die Erfahrung zu stolpern. Auch die Einweisung in meine Aufgaben als Muttersprachlerin im Deutschkurs war klar.
Das Fest Onam war dann einer dieser Tage, an dem man einfach akzeptiert, dass Dinge passieren, die man vorher nicht im Repertoire hatte: Man steht da, bekommt einen schwarzen Punkt auf die Stirn, Henna-tattoos auf die Hand gemalt und plötzlich sitzt man auf einer gigantischen Blumenschaukel, die über den Campus schwingt. Definitiv etwas, das ich nicht vergessen werde.
Beim Essen habe ich schnell festgestellt, dass ,scharf’ in Kerala eine eindeutig andere Bedeutung hat als in Deutschland. Da wurde aber unkompliziert auf mich Rücksicht genommen, sodass ich mildere Varianten bekam und gleichzeitig die Chance hatte, mich Schritt für Schritt an die traditionellen Geschmacksrichtungen heranzutasten. Besteck war für mich anfangs ein kleiner Rettungsanker, aber natürlich habe ich mich auch daran versucht, mit den Händen zu essen, wie es dort üblich ist.
Zwischendurch habe ich mit anderen Mädchen dort Ausflüge in andere Städte unternommen und bin durch Wälder gelaufen, in denen sich die Vegetation nicht unbedingt darum bemüht, Platz für Menschen zu lassen. Zwischen Palmen, Wasserläufen und dichter Flora entsteht schnell ein sehr unmittelbares Naturgefühl – beeindruckend, manchmal auch fordernd. Ich habe Kakaobohnen geerntet, Bananen direkt vom Baum gepflückt und Unmengen an Straßenhunden gekuschelt.
Natürlich gab es auch ein paar Punkte, die herausfordernder waren. Die Arbeitszeiten im Deutschkurs waren sehr lang, teilweise so, dass ich unter der Woche kaum Pausen oder Luft für eigene Unternehmungen hatte. Freizeit hatte ich im Grunde nur am Wochenende, und das hat die Struktur meines Aufenthalts schon stark geprägt. Auch die Arbeit selbst – Hausaufgaben korrigieren, vorgegebene Dialoge einüben usw – war nicht immer besonders abwechslungsreich – viele Abläufe wiederholen sich täglich, und manche Tage liefen eher mechanisch ab. Es war nichts Dramatisches, aber ein Aspekt, der durchaus spürbar war und zu einem realistischen Gesamtbild dazugehört. Immerhin ging ich in der Überzeugung, einigen bei der Überwindung sprachlicher Probleme geholfen zu haben. Auch hoffe ich, dass meine Hinweise zum Leben junger Menschen in Deutschland hilfreich sein werden.
Das Schönste jedoch war: Ich habe Freundinnen gefunden – und wir wissen jetzt schon, dass wir uns hier in Deutschland bald wiedersehen werden. Wir stehen bis heute in Kontakt und ich freue mich wirklich darauf, diese Verbindungen weiterzuführen.
Unterm Strich war die Zeit in Kerala für mich eine liebevolle, lebendige, humorvolle und kulturell unglaublich bereichernde Erfahrung. Eine, die mich überrascht hat, mich oft zum Lachen gebracht hat und die ich immer in Erinnerung behalten werde.


